STADTKIND Hannovermagazin, Sept.09

 


Man findet ständig unterschiedliche Schreibweisen Ihres Vornamens. Wie heißen Sie denn nun wirklich: Mussin oder Mushin?

Weder noch. Ich heiße eigentlich Muhsin, erst „h“ dann „s“. Und eben gerade diese Schreibweise hat mir in Deutschland unzählige peinliche Situationen beschert. Denn, der normalsterbliche Deutsche setzt automatisch das „s“ vor das „h“. Und so spricht er meinen Namen dann als „Muschin!“ aus. Mein Nachbar Sigi verschluckt sogar stets den letzten Buchstaben „n“. Ich hab es satt, seit 25 Jahren „Muschi“ genannt zu werden. So habe ich das „h“ aus meinem Namen verbannt. Ab sofort heiße ich „mussin“…Ohne „h“!


Wie sind Sie dort gelandet, wo Sie gelandet sind, sprich beim Kabarett?

Ich war das jüngste Mitglied des Karikaturistenverbandes in Istanbul. Ich habe zunächst einmal nur Cartoons gezeichnet und dabei gelernt, wie man die Pointe an den Mann bringt und wie die Pointe ihr Ziel erreicht. Von da an ist es ein leichter Schritt zum Kabarett.
1985 haben Sinasi Dikmen und ich das erste deutsch- und türkischsprachige Kabarett "Knobibonbon" gegründet. Zu der ersten Aufführung in Ulm haben wir Dieter Hildebrandt eingeladen. Er ist gekommen und fragte mich "Wo haben Sie eigentlich die Schauspielerei gelernt?" Als ich sagte, dass ich an dem Abend zum ersten Mal auf der Bühne stand, war seine Begeisterung Hoch Zwei. Er hat uns in seine Sendung "Scheibenwischer" eingeladen. Später sind wir mit ihm auf Deutschlandtournee gegangen, und so bekannt geworden.

Gemeinsam mit Sinasi Dikmen haben Sie als einer der ersten Künstler die deutsch-türkische Integration im Rahmen eines Kabarett-Programms thematisiert. Das war 1986. Nun sind Sie zwar solo unterwegs, aber immer noch mit demselben Thema. Warum sind wir das Thema nicht langsam leid?

Weil das Thema „Integration“ inzwischen ein „Industriezweig“ geworden ist. Integration schafft Arbeitsplätze. Unzählige Sozialarbeiter, Integrationsbeauftragte, Angestellte und Politiker leben davon.
„Integration“ ist das „Opium“ für das Volk. Es gibt keinen Wahlkampf ohne das Thema „Integration“. Sie steigert die Wahlchancen. Sie ist der beste Joker, den eine Partei vor der Wahl ins Spiel bringen kann. Die CDU kann Auskunft dazu geben.

Das letzte “Knobi-Bonbon” ist längst gelutscht. Was schmeckt besser, ein Zwei- bis Mehr-Mann-Kabarett oder das Solo?

Solamente Solo.

Sie treten auch in der Türkei auf. Mit demselben Programm?

Ich habe 5 Programme, davon eines in türkischer Sprache. Ich habe zwar das Programm „Die EUmanen kommen“ ins türkische übersetzt aber für das türkische Publikum habe ich einpaar neue Szenen hinzugefügt, die speziell auf die Türkei bezug nehmen. Ich schreibe gerade ein neues türkisches Programm, das im Frühjahr 2010 rauskommen soll.

Wie unterschiedlich ist die Resonanz beim türkischen und beim deutschen Publikum?

DieTürken lachen mit dem Herzen, die Deutschen mit dem Verstand.

In ihrem Programm spielen Sie gerne mit Klischees, z.B. dass die Deutschen ihre Wochenenden in Schrebergärten verbringen und dass die Türken immer gleich zur Sache kommen, vor allem beim Kinderkriegen. Wie ernst nehmen Sie Ihre Stereotypen?

Bierernst.

Sie sind unter anderem auch Karikaturist. Was sagen Sie zu den Mohammed-Karikaturen?

Alle Karikaturisten provozieren gerne, das gehört zu unserem Beruf. Manchmal aber schiessen welche über das Ziel hinaus. In diesem Fall hat die Provokation wie ein Bumerang gewirkt. Der Wurf war nicht sehr meisterhaft.

Was sagen die Türken über die Deutschen?

Was möchten Sie hören? Dass die Türken in die Deutschen verliebt sind?

Wie lässt sich das deutsch-türkische Zusammenleben harmonisieren?

Dazu erzaehle ich Ihnen einen Türkenwitz: Ein Deutscher und ein Türke sitzen auf einer einsamen Insel, wie Robinson Cruso und sein Freitag. Plötzlich erscheint eine Fee und verspricht "Jeder von euch hat einen Wunsch frei und ich werde ihn euch erfüllen". Der Deutsche will zurück nach Deutschland...Sim sala bimmmm...Schon sitzt er in Hanau. Nach einer Woche kommt sie zurück und fragt den Türken nach seinem Wunsch. Der Türke sagt "Dieser Deutsche...ja er fehlt mir! Hol ihn mir zurück!"
Also keine Rettung vor uns... Wir werden Euch nicht verlassen. Macht Euch keine Illussionen.
Wie sagt man so schön, „wenn du es nicht verhindern kannst, dann versuche es wenigstens zu geniessen!“Warum beschäftigen Sie sich gerade mit EU-Politik?
Nicht nur Joschka Fischer träumt von einem „Groß Europa samt Türkei“. Seit den Osmanen träumen wir auch davon! Ob „Groß Türkei oder Groß Europa! Es spielt für uns keine Rolle! Hauptsache GROSS und wir sind mitten drin! Drum klopfen wir immer heftiger an der Tür der Europäer: „Lasst uns auch rein! Lasst uns draußen nicht allein! Es ist hier zu Dunkel! Wir haben Angst vor der Dunkelheit!“ usw...Und wir bereiten uns auf die Hochzeit vor, jedoch ziemlich a la Turca: auf „Görücü Usulü – Brautbeschauer -Art“. In Anatolien ist es kein Hindernis ,dass die Braut und der Bräutigam sich überhaupt nicht kennen. Die türkische Antwort darauf ist sehr Anato-logisch; „erst heiraten dann kennen lernen, und dafür habt Ihr viel Zeit nämlich bis der Tod euch scheidet!“...Außerdem hat die EU uns mit der Zollunion entjungfert, 1999 in Helsinki geschwängert, (Avrupa’nin üstüne kaldik), eine Heirat ist nun unumgänglich geworden. Unsere Hausaufgaben haben wir gemacht –Die 70 000 Seiten Forderungen der EU, sog. EU-Standarts: Löcherzahl im Sieb, die Krümmung der Banane, die Länge des Kondoms etc. Auch wir haben Forderungen an die EU, sog. Türken-Normen:.....

Inwiefern beeinflusst die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei Ihrer Meinung nach die Stimmung und das Selbstwertgefühl der türkischen Bevölkerung?

Unser rechtes Auge ist (viel zu) „Kurzsichtig“, das linke dagegen „Weitsichtig“. Um alles in Einklang zu bringen brauchen wir eine Brille „Made in Europa“. Ich kenne unsere Fähigkeiten und Unzulänglichkeiten: wir können ohne fremde Hilfe putschen aber nicht die Demokratie einführen. Und die Demokratie ist die Lokomotive der Wirtschaft, holpert die Lokomotive, so entgleist die Wirtschaft. Aber auf soliden Schienen kann der Zug sogar Spitzen-Geschwindigkeit erreichen. Ich bin überzeugt davon, dass die türkische Wirtschaft allein durch die Aufnahme der Verhandlungen beflügelt wird. Also, in 20 Jahren werden wir Gastarbeiter aus Deutschland anwerben.

Was erhoffen Sie sich persönlich von einem Beitritt der Türkei in die EU?

Dann werde ich meine Programme ungekürzt in den türkischen Kasernen aufführen.

Was wünschen Sie sich von den deutschen Politikern bzw. von der deutschen Politik, gerade jetzt zur Bundestagswahl 2009?

Mehr Phantasie. Mal sehen ob sie endlich einen Wahlkampf ohne „Türkenkarte“ veranstalten können.

Was wünschen Sie sich von den türkischen Politikern bzw. von der türkischen Politik?

Weniger Phantasie, mehr Sinn für Realität.

Was zeichnet Kultur für Sie aus?

Der wichtigste Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Wie weit kann bzw. sollte man die Ausübung seiner Kultur zurücknehmen, damit andere co-existieren können?

Alles was unter „Diskriminierung“ fällt muss weg.

Seit 1979 sind Sie in Deutschland. Das heißt, Sie fühlen sich hier wohl. Aber ausgerechnet Süddeutschland!?

Wieso? Was haben Sie gegen die Schwaben? Sie sind auch Menschen.

Auf Ihrer aktuellen Tournee machen Sie ausgerechnet in Braunschweig Halt, um Hannover aber einen großen Bogen. Waren Sie etwa schon einmal hier? Haben Sie schlechte Erfahrungen mit Hannover gemacht oder wissen Sie etwas, das wir wissen sollten?

Ganz im Gegenteil, ich war oft in Hannover. Ich habe ein paar Mal im Pavillon vor vollem Haus gespielt und alle Vorstellungen waren super. Und wo waren Sie?

Wie würden Sie selbst Ihren Humor bezeichnen?

„Mussinisch“.

Was halten Sie von Kayar Yanar?

Ich habe keinen Fernseher.


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