Kyoto Woman's University - Japan
Gisela Doi
Migranten-Kabarett in Deutschland
Das deutsch-türkische
Kabarett von Muhsin Omurca,speziell "Kanakmän"
Trotz Multikultur- bzw. Leitkultur-Diskussionen gelten Kulturen immer noch nach den Ideen Johann Gottfried Herders als voneinander unabhängig und sich nicht gegenseitig beeinflussen, und das Aussehen der Personen erscheint als Verkörperung einer unsichtbaren substanziellen Gemeinsamkeit, einer Identität.
Mit der vorliegenden Arbeit,die im Januar 2005 in der Zeitschrift "Journal of Humanities" der Kyoto Women`s University erstmals veröffentlicht wurde, möchte ich aufzeigen, wie das politische Kabarett in Deutschland, speziell das deutsch-türkische Kabarett des Muhsin Omurca, gegenwärtig das aktuelle deutsche Zeitgeschehen, im Besonderen das Zusammenleben von Deutschen und Türken aufgreift und bearbeitet. (Zugunsten der Lesbarkeit habe ich diesmal auf jegliche Fussnoten verzichtet. Die im Text vorhandenen Klammern beziehen sich auf Omurcas Text Kanakmän und die dortigen Seitenzahlen.)
Zunächst möchte ich deren Ursprung und die geschichtliche Entwicklung
des deutschen Kabarett aufzeigen. Dann möchte ich die politisch-gesellschaftliche
Situation, besonders im Hinblick auf Deutschland als Einwanderungsland erörtern
und danach das Kabarett von Omurca eingehend darstellen.
Die deutsche Kleinkunstform des Kabarett hat seinen Ursprung im französischen
"Cabaret", das eigentlich eine in Fächern unterteilte Speisenplatte
mit unterschiedlichem Angebot bedeutet und in der Unterhaltung eine Folge
von Sketches, Liedern und Parodien war. In Paris wurde das erste Kabarett
1881 gegründet. Deutsche Künstler unterschiedlicher Genre griffen
diese Kunstform interessiert und experimentierfreudig auf, und so wurde das
erste deutsche Kabarett in Berlin, das sogenannte "Überbrettl",
im Jahre 1901 von Freiherr Ernst von Wohlzogen aufgeführt. Das deutsche
Kabarett vernachlässigte bald die poetisch-unterhaltende Seite des französischen
Cabaret und entwickelte stärker die kritisch-satirische Seite. So präsentierte
sich das deutsche Kabarett bald darauf als politisch-gesellschaftliche Kritik
in Form von Satire auf der Bühne. Es wandelte sich zum politischen Kabarett.
Die im Vergleich zum französischen Cabaret stärkere Betonung von
zeitkritischen Texten manifestierte sich auch in der deutschen Schreibweise
"Kabarett". Man findet dennoch immer auch das Banale und rein Unterhaltende
in den Kabarett-programmen. Das Kabarett lebt von der Präsentation der
Sketches, den Liedern, der Inszenierung auf der Bühne. Als Zielscheibe
der Kritik dienen aber nicht nur Dritte, sondern unter Umständen auch
das anwesende Publikum. Der Kabarettist muss ein hervorragender Rhetoriker
sein, d.h. er muss mit der Sprache jonglieren können und die Kunst der
Andeutung und Auslassung beherrschen. Diese Fertigkeiten waren zu Zeiten staatlicher
Zensur um so mehr von großer Wichtigkeit, beispielweise vor und während
des Ersten Weltkrieges und in der Zeit des Nationalsozialismus. Das Kabarett
enthält die Forderung nach Freiheit und Befreiung. Es ist zu einem weiten
Teil für den jeweiligen Tag geschrieben, spielt mit dem Aktuellen. Von
seiner Entstehungszeit vor gut einhundert Jahren bis heute ist eines seiner
Hauptmerkmale, mit dem Wissen des Publikums zu spielen, darauf anzuspielen,
ohne die politischen oder gesellschaftlichen Ereignisse erneut zu erklären.
Dieses von den Kabarettisten vorausgesetzte Wissen ist das Wissen der geschichtlich-gesellschaftlichen
Realität ebenso wie das Wissen um tatsächliche oder vorgebliche
Eigenheiten von Professoren, Hausfrauen, Arbeitern, Politikern, oder, im Migranten-Kabarett,
von Deutschen und Türken. Irgendwann einmal ins Bewusstsein gelangtes
und dort mit anderen Informationen verknüpftes Wissen ergibt einen Wissenszusammenhang,
der natürlich nicht bei jedem derselbe ist, beim Süddeutschen ein
bisschen anders als beim Norddeutschen, beim Kölner anders als beim Leipziger
oder beim Berliner. Der kluge, rhetorisch geschulte Kabarettist muss einfach
wissen, was das anwesende Publikum weiß, denn nur dann kann er davon
ausgehen, dass er mit der Pointe seines Vortrags vom Publikum verstanden wird.
Dieses ist in der Regel eher bereit, nur Anstöße des Kabarettisten
aufzunehmen, als sich mit dem erhobenen Zeigefinger belehren zu lassen. Bei
der Verbreitung von Informationen darf die Mitwirkung der Nachrichten- und
Unterhaltungsprogramme des Fernsehens gar nicht hoch genug eingeschätzt
werden. Man kann davon ausgehen, dass die Bevölkerung Deutschlands über
einen ähnlichen Stand an Informationen verfügt. Bis zum Fall der
Berliner Mauer war dieser Stand ziemlich verschieden, inzwischen hat er sich
schon zu weiten Teilen angeglichen. Das ist zum einen auf das Fernsehen, zum
anderen, wie ich meine, auf die Mobilität der Deutschen aus Ost und West
zurückzuführen.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurden viele deutsche Kabarettisten inhaftiert
oder gingen in die Emigration. Das Kabarett wurde im Exil weitergeführt.
"Witz als Waffe und Widerstand, Humor als Mittel gegen Verzweiflung und
Hoffnungslosigkeit ..." .
Sogar in einigen Konzentrationslagern wurde von den jüdischen Häftlingen
Kabarett gemacht, hauptsächlich zu Propagandazwecken des Dritten Reiches.
Ihr Schicksal blieb ihnen trotzdem nicht erspart. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges
erlebte das Kabarett einen Neubeginn. Es wurde unter anderem als ein Instrument
zur Einübung der Demokratie angesehen. Kritisch aufgespießt wurden
vor allem die Politiker, die Parteien, das Wirtschaftswunderland Deutschland
mit seinen gesellschaftlichen Zuständen. Die wichtigsten Kabarettgruppen
der BRD waren die Berliner "Stachelschweine" und die Münchner
"Lach- und Schießgesellschaft", die beide sogar regelmäßig
im Fernsehen direkt übertragen wurden. Das deutsche Kabarett war zu jener
Zeit, also in den 60er und 70er Jahren nicht etwa Kleinkunstform für
eine kleine Minderheit, sondern für die Mehrheit der, mit Fernsehapparaten
ausgestatteten, westdeutschen Bevölkerung. 1966 wurde die Direktübertragung
der "Lach- und Schießgesellschaft" aus Gründen der Zensur
jedoch eingestellt. Der staatliche Fernsehsender des Bayrischen Rundfunks
protestierte damit gegen die Kritik des Kabaretts am damaligen Bundespräsidenten
Heinrich Lübke und am Papst. Unverhältnismäßig mehr hatte
das Kabarett unter der staatlichen Zensur des DDR-Regimes zu leiden, z.B.
wurden Mitglieder des Kabaretts "Rat der Spötter" im Jahre
1961 verhaftet. Zudem blieben die Kabarett-Aufführungen auf die Bühnen
beschränkt. Als eine der wichtigsten Gegenwartsvertreter des deutschen
Kabaretts möchte ich allen voran Dieter Hildebrandt für Westdeutschland
und Peter Ensikat für die ehemalige DDR nennen.
In den letzten zwanzig Jahren gibt es einige neue Entwicklungen in der Kabarettszene.
Volker Kühn befürchtete im letzten Band seines fünfbändigen
Werkes "Kleinkunststücke" noch Anfang der 90er Jahre, dass
sich das politisch-gesellschaftskritische Kabarett mit "K" möglicherweise
zu seinen Wurzeln, dem französischen Cabaret mit "C" zurückentwickeln
könnte. Grund für diese Besorgnis bietet beispielsweise das Fernsehen
mit seinen teilweise einfachen, oberflächliche Effekte erhaschende sogenannte
"Comedians" .
Aber es gibt in den letzen Jahren auch wieder viele kritisches, satirisch-bissiges
Kabarett, darunter die Richtung des Migranten-Kabarett, mit dem ich mich in
dieser Arbeit eingehend beschäftigen möchte, und des weiteren auch
neue, junge Kabarettisten wie z.B. Urban Priol, Volker Pispers und Matthias
Deutschmann. Eine Tendenz zum Solo-Kabarett zeichnet sich ab.
An der Berliner Hochschule der Künste wurde im Jahre 2000 der erste Lehrstuhl
für Kabarett eingerichtet, welcher z.Zt. mit dem Kabarettisten Richard
Rogler besetzt ist.
Im nachfolgenden möchte ich das Migranten-Kabarett bzw. das Kabarett von Deutschen ausländischer Herkunft vorstellen. Im Jahr 1985 wurde das erste deutsch-türkische Kabarett "Knobi-Bonbon" von Sinasi Dikmen und Muhsin Omurca gegründet. Das Duo tourte etwa 12 Jahre lange bis zu seiner Auflösung mit seinen Programmen durch alle deutschsprachigen Länder und nahm in seinen Kabarettaufführungen erstmals sowohl die Deutschen als auch die Türken aufs Korn. Ihr Thema Ausländer, speziell Türken in Deutschland, war bis dahin kaum in den Kabarettprogrammen zu finden, es sei denn als alleinige Kritik an den Deutschen, wie sie die Ausländer diskriminierten. Eine Kritik des Kabaretts an den in Deutschland lebenden und arbeitenden Ausländern wäre schnell als Ausländerfeindlichkeit angesehen worden. Nur ein Ausländer oder Migrant konnte es sich leisten, auch die Ausländer auf die kabarettistische Schippe zu nehmen. Inzwischen gibt es viele Migranten, die kabarettistisch arbeiten. Stellvertretend sei der in Deutschland geborene Yana Kayar, Sohn türkisch-arabischer Eltern, zu nennen, der eine eigene Fernsehshow hat und bei seinem jugendlichen Publikum sehr beliebt ist.
Was sind nun eigentlich die Hintergründe, welche die Entstehung des deutsch-türkischen Kabaretts in Deutschland ermöglichten bzw. erleichterten? Zunächst einmal möchte ich den Begriff "deutsch-türkisches Kabarett" erklären. Es handelt sich um das Kabarett von Türken oder von Deutschen türkischer Herkunft. Nicht darunter zu verstehen ist ein von Deutschen für Türken gemachtes Kabarett. Ein Kabarettist wie Omurca, an dem ich exemplarisch das deutsch-türkische Kabarett erklären möchte, zieht sein Programm, mit einigen Ausnahmen,inDeutscher Sprache auf Deutsch durch. Er führte sein Programm auch schon in der Türkei auf. Omurcas Pointen wurden dort verstanden, weil sich das Publikum vorwiegend aus Leuten zusammensetzte, die schon in Deutschland gelebt und gearbeitet hatten. Omurca konnte also davon ausgehen, dass sein dortiges türkisches Publikum die politisch-gesellschaftliche Situation in Deutschland weitgehend kannte.
Von Deutschland wird oft als von einem multikulturellen Land gesprochen. In Deutschland leben knapp neun Prozent Ausländer und darüber hinaus, statistisch nicht gesondert festgehalten, Deutsche ausländischer Herkunft. Das sind konkret ungefähr 7,3 Millionen Migranten, davon knapp zwei Millionen Türken und schätzungsweise eine halbe Million türkische Migranten. Die meisten von ihnen kamen in den 60er bzw. Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts im Zuge der ausländischen Arbeitskräfteanwerbung der deutschen Bundesregierung, nach den Italienern, Spaniern, Portugiesen und Jugoslawen. Sie kamen vorwiegend aus der ländlichen Osttürkei, aus Anatolien. Diese Fremdarbeiter wurden damals Gastarbeiter genannt. Damit wollte man ausdrücken, dass sie nur auf Zeit bleiben sollten. Indes sind viele in Deutschland geblieben. Etwa ein Drittel der türkischen Migranten lebt schon länger als 20 Jahre in Deutschland. In deutschen Städten gibt es sogar ganze Stadtteile, in denen fast nur Türken leben. Es gibt türkische Kneipen, Lebensmittelgeschäfte, Änderungsschneidereien, türkische Moscheen. Die Deutschen türkischer Herkunft besuchen deutsche Schulen, lernen Berufe, besuchen die Universitäten, werden Akademiker, doch im Verhältnis ist deren Zahl weitaus niedriger, die Arbeitslosigkeit weitaus höher, als bei dem Rest der Bevölkerung und scheint, nach einem Artikel von Martin Spiewak in der "Zeit" zu schließen, in den letzten Jahren sogar wieder rückläufig zu sein. Zwischen Deutschen und Türken herrschen oft Vorurteile und Missverständnisse. Im Alltag leben Deutsche und Türken, bzw. Deutsche türkischer Herkunft eher nebeneinander her als miteinander. Vorurteile sind auf beiden Seiten vorhanden. Dies ebenso wie das folgende, bietet viel (Zünd-)Stoff für das Kabarett.
Durch die Auflösung des Ostblocks, den Zustrom von Flüchtlingen aus den Kriegsherden des ehemaligen Jugoslawien bzw. aus Afrika und Asien, die in Deutschland Asyl beantragten sowie durch die Wiedervereinigung Ost- und Westdeutschlands hat sich das Leben in Deutschland sehr verändert. Mehr Toleranz und Abschaffung der Diskriminierung von Ausländern wird für das friedliche Zusammenleben aller gefordert. Immer wieder werden Nachrichten laut, dass besonders im östlichen Teil Deutschlands zu findende Skinheads und Neonazis ihren Unmut über die hohe Arbeitslosigkeit und die fehlenden Zukunftsperspektiven in brutaler Gewalt an den in Asylantenheimen lebenden Flüchtlingen bzw. an anderen Ausländern bzw. Inländern fremder Abstammung auslassen.
Im Zuge der Diskussion um die Gesetzesänderung des deutschen Staatsangehörigkeitsrechts
wurde ursprünglich von der Regierung der Gesetzesvorschlag der doppelten
Staatsbürgerschaft eingebracht, dann aber wieder zurückgezogen,
weil er in den anderen Parteien und in der Bevölkerung heftig umstritten
war. Durch die Änderung wurde u.a. die Einbürgerung der in Deutschland
geborenen Kinder von Migranten, bzw. die Einbürgerung der in Deutschland
lebenden Migranten von 15 auf acht Jahre heruntergesetzt.
Bei folgenden Fragen gehen die Meinungen in der Bevölkerung stark auseinander.
Kann derjenige schnell eingebürgert werden, der sich schon in Deutschland
integriert hat oder lässt sich derjenige schneller integrieren, der schon
eingebürgert ist? Und was bedeutet überhaupt Integration? Geht damit
ein völliges Zurückdrängen der Herkunft einher? In diesem Zusammenhang
wurde von Friedrich Merz, dem ehemaligen CDU/CSU-Franktions-vorsitzenden der
Begriff von der "deutschen Leitkultur" in die Diskussion eingebracht,
an die sich die in Deutschland lebenden Ausländer bzw. Deutschen ausländischer
Herkunft anpassen müssten. An späterer Stelle nenne ich die Sketches,
mit denen Omurca darauf eingeht.
Für mehr Fairness und Verständnis und gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus am Arbeitsplatz wurde im Jahr 2001 von der deutschen Regierung das XENOS Förderungsprogramm mit über 72 Millionen Euro Kosten ins Leben gerufen, auf welches Omurca in einem seiner kabarettistischen Stücke anspielt.
Der 45 Jahre alte Muhsin Omurca, Deutscher türkischer Herkunft und seit
seiner Jugend in Deutschland lebend, startete seine kabarettistische Laufbahn
1985, ist seit 1996 er Solo-Kabarettist und arbeitet ebenfalls als Karikaturist.
Er wurde mehrfach ausgezeichnet. Sein Soloprogramm "Tagebuch eines Skinheads
in Istanbul" erhielt 1998 den Deutschen Kabarettsonderpreis. In Japan
erhielt im gleichen Jahr den Yomiuri-Preis für seine Cartoons.
"Damsiz Girilmex" ist sein einziges in türkischer Sprache vorgetragenes
Programm von 2003. Mit seinem neusten Programm "TRäume - alptrEUme"
greift er die Diskussion um die Aufnahme der Türkei in die Europäische
Union auf. Im Jahr 2004 tourte er sowohl mit diesem als auch mit seinem Programm
"KANAKMÄN tags deutscher nachts türke".
"KANAKMÄN - tags deutscher nachts türke" ist das Programm
Omurcas, welches ich als Beispiel für das Migranten-Kabarett näher
beleuchten möchte. Das auch in Form eines Büchleins vorliegende
Programm, Omurcas zweites Programm als Solo-Kabarettist, geht über das
übliche Kabarett hinaus, es ist ein Cartoon-Kabarett. Omurca wirft mittels
eines Projektors seine Cartoons großflächig an die Wand und spricht,
singt, rezitiert, erzählt dazu, mal ganz sachlich, dann wieder wie der
Muezzin einer Moschee. An einer anderen Stelle packt er die Zuschauer mit
seinen Worten wie ein arabischer Märchenerzähler. Zur weiteren Hervorhebung
seiner Botschaft spielt er seinem Publikum die deutsche Nationalhymne vor
- allerdings in orientalischer Fassung. Diese CD liegt dem Cartoon-Büchlein
bei.
In den Jahren 2000/2001 ursprünglich in der "taz" als Cartoon
in Form von einzelnen Episoden veröffentlicht, wurden diese später
in der hier vorliegenden Fassung herausgegeben. Man kann die Episoden sowohl
einzeln abgeschlossen, als auch sinngemäß nacheinander aufbauend,
sozusagen als Einheit, als Gesamtwerk betrachten. Von den 56 Episoden, bestehen
mehr als die Hälfte aus zwei Zeichnungen, elf Episoden aus drei, fünf
Episoden aus vier, je drei und fünf aus nur einer Zeichnung, während
je eine Episode mit sechs bzw. mit sieben Zeichnungen etwas länger sind.
Omurca hält sich also meistens kurz und pointiert.
Der Protagonist heißt tagsüber Hüsnü und ist dann Deutscher
türkischer Herkunft, ein sich ständig in Schwierigkeiten befindender
Antiheld. Nachts ist er der starke Held Kanakmän.
Titel und Name der Figur Kanakmän spielen auf den englischen Superman
an, eine Figur, die vor etwa 60 Jahren kreiert und durch den englischen Spielfilm
"Superman" mit Christopher Reeve 1978 weltweit berühmt wurde.
Der Ausdruck "Kanake" kommt aus dem Polynesischen und bedeutet "Mensch".
Als diskriminierendes Schimpfwort wird es in der Umgangssprache für Ausländer,
ausländische Arbeitnehmer, besonders für Türke verwendet, erfuhr
aber seit einigen Jahren eine starke Aufwertung. Es wird neuerdings von jungen,
türkischen Ausländern selbstbewusst benutzt, um sich damit selbst
zu bezeichnen. "Män", die eingedeutschte Schreibweise des englischen
"man", führt ironisierend den Zuschauer/-hörer auf die
Männe-Schiene. Der Anzug des Kanakmän gleicht dem Trikot des Supermans,
statt des Buchstabens "S" wie Superman mit einem "K" wie
Kanakmän auf der Brust. Bloß ist Kanakmän nicht muskulös.
Mit den dünnen Beinen, in der rechten Hand ein Handy haltend, in der
linken Hand einen Rosenkranz für das Gebet, als Hinweis auf seine Religiosität,
gleicht er eher einer Karikatur des Superman. Er spricht von seinem Trikot
wie von einer Tracht. Dieser Begriff steht für die Kleidung einer bestimmten
Volks- oder Berufsgruppe, meist bäuerlich, ländlich und oft ausländisch
und ist hier satirisch aufzufassen.
Im Traum verwandelt sich Hüsnü immer wieder in den erfolgreichen
Kanakmän, doch wenn er aufwacht, wird er wieder zum schwachen Hüsnü,
dem es schwerfällt, sich zu integrieren - oder wie Omurca es ausdrückt
- sich zu assimilieren. Im Traum, als Superman, ist er omnipotent. Seine beiden
Pässe sind die Waffen mit denen er alles erreichen kann. "Dafür
brauchen du nix mal Waffenschein."(Kanakmän,19 S.5)
Vor dem Hintergrund der Debatte um die deutsch-türkische Doppelstaatlichkeit
zeigt Omurca seinem Publikum anhand von Kanakmän, dass Integration ein
schwieriger Prozess ist, der von beiden Seiten, also von deutscher und von
türkischer Seite getragen werden muss und dass man vor allen Dingen das
Menschsein nicht vergessen sollte. Als sein Protagonist Hüsnu/Kanakmän
Deutscher wird, legt er mit dem türkischen Pass, mit der türkischen
Nationalität nicht automatisch auch die türkische Kultur und Herkunft
ab, um die deutsche Kultur anzunehmen.
Omurca porträtiert und karikiert die in den Jahren 2000/2001 in Deutschland
stattgefundenen politischen Diskussionen, das gesellschaftspolitische Tagesgeschehen
sowie die Vorlieben der Deutschen und Migranten. Er spielt mit deutschen und
türkischen Klischees und hält so dem gesamten Publikum den Spiegel
vor.
Er bietet seinen Zuschauern mehrere Bezeichnungen für Deutsche an, original
Bio-Deutscher, Naturdeutscher, getürkter Deutscher, Ex-Türke, Plagiat
eines Deutschen, wobei die ersten zwei für Deutsche mit deutschen Vorfahren
stehen - wie lange schon, das mag dahin gestellt sein - die drei letzteren
für den Deutschen türkischer Herkunft. Wobei er mit dem Ausdruck
"getürkt" spielt, der gefälscht, nicht echt bedeutet.
Er macht sich lustig über das "Assimilierungsbestreben" Hüsnüs
und die an den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft geknüpften
Bedingungen des deutschen Staates. Beispielsweise sollen ausreichend Deutschkenntnisse
vorgewiesen werden. Omurca verkehrt diese Sache ins Gegenteil und bietet den
"deutschen Eingeborenen" Sprachkurse in "Kanak-Hoch-Doytch"
an, denn inzwischen wurde von ihm das Gastarbeiter-Deutsch zur Hochsprache
erklärt. Zudem reformiert er die Rechtsschreibreform noch einmal mit
der Abschaffung der deutschen Artikel radikal (K., S.36). Omurca spielt sehr
kreativ mit dem Thema Sprache, mit der Sprache an sich. Er geht sensibel auf
die Veränderung der Migrantensprache bzw. der deutschen Jugendsprache
ein. Seine hier verwendete Sprache möchte ich an dieser Stelle näher
beleuchten.
Die im Kanakmän verwendete Sprache ist ein unkorrektes Deutsch mit vereinfachter
Grammatik und starken Generalisierungen, versetzt mit türkischen Ausrufen
und Einfügungen. Konkret werden, mit Ausnahmen an wenigen Stellen, die
Verben nicht konjugiert, sondern im Infinitiv belassen. Direkte Artikel fallen
weg, statt der Negation "nein" steht immer das Indefinitpronomen
"nix". Präpositionen fallen weg oder werden falsch benutzt.
Statt "Adjektiv und Substantiv" werden beide Wörter als "Substantiv
und Substantiv" zusammengezogen, z.B. Türkenpass. Beim Perfekt wird
das Hilfsverb, das meistens gar nicht vorhanden ist, wenn vorhanden nicht
konjugiert und das Partizip Perfekt direkt dahinter gesetzt. Überdurchschnittlich
häufig werden Diskursmarker benutzt, z.B. folgende türkische Ausdrücke
"valla va" (dt. "stimmt"), "yani" (dt. "also")
oder "lan" (dt. Alles klar!"). Der Protagonist Hüsnü
kommuniziert in der so genannten Kanaksprak, da er die deutsche Sprache nicht
beherrscht. Nach einer Untersuchung der Sprachforschungsabteilung der Universität
Bochum werden inzwischen auch von deutschen Jugendlichen türkische Ausdrücke
benutzt. Dies wurde mir kürzlich von deutschen Gymnasiasten im Gespräch
bestätigt. Kanaksprak ist von türkischen, aber auch von deutschen
und anderen Jugendlichen in den Großstädten, also als eine Art
Code oder Eingeweihtensprache benutzter Soziolekt. Einem breiten Publikum
vertraut wurde der Sprachmix durch die Bücher des türkischstämmigen
Kieler Schriftstellers Feridun Zaimoglu, Filme wie "Kanak Attak"
von Lars Becker oder die bereits o.a. Kabarettsendung von Yana Kayar. Trotz
mittlerweile großer Verbreitung scheint diese Art von Sprachmix vor
allem auf Jugendliche beschränkt zu bleiben. "Sprachengemische und
Kanaksprak sind zwar keine Eintagsfliegen, aber auch nur ein Übergangsphänomen",
sagt Professor Hinnenkamp, Kommunikationswissenschaftler an der Fachhochschule
Fulda, "... wenn die Jugendlichen im Job oder mit der Familie Verantwortung
übernehmen, verliert der Sprachcode seine Attraktivität .... diese
Sprache hat zwei Aufgaben", führt er weiter aus "... zum einen
soll sie den Jugendlichen Prestige verschaffen, zum anderen dient sie als
einfaches Kommunikationsmittel. Der Protagonist erfindet auch deutsche Wörter,
wie z.B. das Wort "Fischheit", das er von "Menschheit"
ableitet oder er vereinfacht sich die deutsche Sprache wie z.B. das Substantiv
"Deutschpass", Adjektiv und Substantiv zusammengezogen und ohne
Endung für "deutscher Pass", oder das neugeschöpfte, zusammengesetzte
Substantiv "Leitkulturartikel", auf welches ich an späterer
Stelle eingehen werde.
Die außerdem in Kanakmän vorkommenden Personen sind weitere Türken,
Deutsche und ein "Professore" genannter Italiener. Dieser spricht
Deutsch mit der Eigenheit, an die Wortendungen jeweils ein "e" dranzuhängen.
Damit wird klischeehaft die deutsche Redeweise von italienischen Migranten
in Deutschland nachgeahmt. Die Deutschen sprechen fast immer korrektes Deutsch,
während die Türken Kanaksprak bzw. Türkisch sprechen.
In einem der Sketches sind der Protagonist Hüsnü und seine Frau Döndü plötzlich im bayrischen "Zwangsdirndl" und in den "Zwangslederhosen" zu sehen, die wohl im Ausland bekannteste deutsche Tracht überhaupt, mit einem Fingerzeig auf den für seine restriktive Migrantenpolitik bekannten bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (K., S.26). Stoiber wird an anderer Stelle auch namentlich heftig in die Zange genommen.
"Stoiber ... bekommen Asyl in Paraguay und betreiben dort mit einem
Österreicher namens "HAYDAR" eine Schießbude... Wer 30
Blechasylanten
abschießt bekommen als Belohnung ein Buch, welches die Beiden
gemeinsam verfasst haben, unter dem Titel UNSER KAMPF!" (K., S.32)
Mit dem Titel des Buches werden Edmund Stoiber und Jörg Haider, der
österreichische Politiker der FPÖ mit dem Österreicher Adolf
Hitler in eine Reihe gestellt. Das südamerikanische Paraguay ist als
Unterschlupf für einige Kriegsverbrecher des Dritten Reiches bekannt.
Hüsnü hat die Einbürgerung beantragt, weil er nicht plötzlich
durch eine Computerpanne Pole werden möchte (K., S.6). Derartige Pannen
liegen durchaus im Bereich des Möglichen, wie die Realität in der
Vergangenheit schon gezeigt hat. Als er jedoch die deutsche Staatsbürgerschaft
bekommen hat, muss er feststellen, dass er als Deutscher gar nicht ernstgenommen
wird. So glaubt beispielsweise der Polizist in einer Verkehrskontrolle (K.,
S.20) zunächst mit Hüsnü einen italienischen oder russischen
Mafiosi erwischt zu haben, um danach, als er den deutschen Pass Hüsnsüs
einsieht, seinem Chef zuzurufen: "Hier ist ein getürkter Deutscher!
So`n doppelt-gemoppelter!... "Getürkt", also in dem Sinne von
Fingiert, gefälscht, einen nicht existierenden Sachverhalt vorspiegeln.
Er hätte sich korrekt ausdrücken können, wie z.B. ein Deutscher
türkischer Herkunft.
Im Traum geht er mit dem Pass auf Abenteuer. Er fährt in die Stadt Erfurt,
seinerzeit durch Berichte über gewaltsame Skinheadsübergriffe auf
Ausländer in die Schlagzeilen geraten (K., S. 12) und versucht die Skinheads,
quasi wie Vampire mit Knoblauch, sprich mit seinem Pass außer Gefecht
zu setzen. Doch er erwacht zuvor und rettet sich damit.
Hüsnüs Integrationsversuche in die deutsche Gesellschaft scheitern
fortwährend. Auf der Coach schüttet er dem Psychiater sein Herz
aus, wie sehr ihn der deutsche Pass, die Nationalität "Deutscher"
seelisch belastet, insbesondere da er als Deutscher von den Menschen um ihn
herum ausgelacht wird. Mit dem "zum Psychiater gehen", persifliert
er die deutschen Intellektuellen, bei denen das "sich therapieren lassen"
sehr aktuell ist. Daran zeigt Omurca, dass Hüsnü eigentlich gar
nicht so undeutsch ist, wie er denkt. (K., S15). Ein anderes Mal verschreibt
ihm der Psychiater als Medikament 100 Gartenzwerge gegen sein Problem, sich
immer wieder als Türke zu fühlen und ins Türkensein "rückfällig"
zu werden.
Er stellt den deutschen Pass als fliegenden Teppich dar, der jedoch paradoxerweise
nicht auf seine türkischen Kommandos reagiert, obwohl Hüsnü
als Türke durch seine Nähe zum Islam, sprich seine Nähe zur
arabischen Welt, doch geradezu prädestiniert sei, einen fliegenden Teppich
aus 1001 Nacht in die Lüfte entschweben zu lassen. (K., S. 21) Außerdem
vergleicht er den deutschen Pass mit dem Mercedes, meint damit dieser Pass
öffne ohne Probleme Tür und Tor, während er mit dem türkischen
Pass aber lediglich in das Legoland (K., S.7) ein Vergnügungspark in
Dänemark, komme, der quasi nur eine Karikatur auf einen richtigen Staat
ist. Er spielt mit dem Begriff Staat und zieht ihn auf die kindliche Ebene.
In drei Episoden begibt er sich in sexuelle Bereiche. Da wird insbesondere
die profan-unterhaltende Seite des Kabarett herausgekehrt. Er macht Witze
über das potenzsteigernde Mittel: "Viagra" - "...man kommt
damit rein und raus...." (K., S. 10) Doch gefühlsmäßig
geht es ihm schlecht, da er bei der Einbürgerung den türkischen
Pass abgeben musste. (K., S. 11) "Ich komme mir jetzt vor wie ein Eunuch!"
(K., S. 12), also eigentlich das Gegenteil von einem Deutschen, denn die Eunuchen,
die Haremswächter gibt bzw. gab es nur in der arabischen Welt. Doch der
Protagonist erwacht und ist damit wieder gerettet.
Der, wie zuvor erwähnt, von Merz benutzte Begriff der "deutschen
Leitkultur" wird von Omurca aufgegriffen und persifliert. Hüsnü
zitiert naiv ernsthaft aus der Tageszeitung "tuz" - eine Anspielung
auf die taz - seinem italienischen Gesprächspartner "Professore
Gino", dass deutsche Leitkultur nicht etwa Gartenzwerge, Bier oder Fasching
seien, sondern Goethe. Aber Gino glaubt zu wissen, dass Goethe türkische
Vorfahren hatte. Er kommentiert dazu "Lightkultur" (K., S. 29) und
verkehrt so den Sinn der Leitkultur quasi ins Gegenteil. Dem Publikum könnte
spontan das Produkt "Cola light" in den Sinn kommen.
Ginos Sprache mit seinen "e-Endungen" ist ein Deutsch, so wie man
sich klischeehaft das eines Italieners vorstellt. Beim Vortrag auf der Bühne
wird das Klischee deutlich. Fasching sei ägyptisch, Bier mesopotamisch,
Kartoffeln amerikanisch, Gartenzwerge türkisch, nur Himbeerpudding sei
deutsch, sagt er zu Hüsnü mit erhobenem Zeigefinger (K.,S 27)
Hüsnü verkehrt überraschend alles ins Gegenteil und erklärt
die Gartenzwerge zur türkischen Leitkultur (K., S. 28) und seiner Frau
den Begriff "Kulturbeutel" mit der Wortneuschöpfung Beutel
für Leitkulturartikel K., (S.30)
Mit den süßen Gummi-Türken der Kanakoo-Reklame, einer Parodie
auf die Hariboo-Reklame, stellt er das zuvor erwähnte XENOS-Programm
der Bundesregierung in Frage (K., S. 23) Das seinerzeit hochaktuelle BSE-Programm
deklariert er als deutsche Erfindung, um die Türken loszuwerden (K.,
S. 18), da sie ihren Kebab -Imbiss schließen müssen. Oder er zeigt
einen erfindungsreichen Türken, der sein aus Schwein hergestelltes, patentiertes
Kebab verkauft (K.,S19). Einziger Haken bei der Sache ist, dass er als Muslim
kein Schweinefleisch essen darf. Als Hüsnü plötzlich von seinem
Nachbarn , der, so scheint es fast, extra um ihn zu ärgern, Muslim geworden
ist, vor dem Opferfest eine BSE-Kuh geschenkt bekommt, befindet er sich in
der Zwickmühle. Denn Opferfleisch ist heilig. (K., S. 22). Eine Äußerung,
der in der deutschen Regenbogenpresse überaus beliebten Fürstin
Gloria von Thurn und Taxis, in der ARD-Talkshow "Friedman", in der
sie ihre Vermutung über die rapide Verbreitung von AIDS in Afrika dahingehend
kundtut, dass "der Schwarze halt gern schnackselt..." wird von Omurca
ebenfalls herbeizitiert: "Pfui! Nix schnackseln Türke!" (K.,S
26 und S. 52) Omurca stellt anhand der BSE-Krise mögliche Reibereien
zwischen Vorgesetzten und Gefreiten (Deutschen türkischer Herkunft) dar.
Gefreiter: "...Ich nix essen Schweinefleisch!"
Vorgesetzter zu einem Dritten: "Kaufen Sie Ali, diesem schlechten
Plagiat eines Deutschen, Hammel- und Rindfleisch aus England!..."
(K., S. 39)
Omurca spielt mit der Angst der Deutschen vor Überfremdung. Der Besitzer
des deutschen "Mannomann-Schnellimbisses" kapituliert vor Kanakmän
und überlässt ihm freiwillig seinen Laden (K., S. 17). Der Bischof
von Fulda lässt Hühnereier exkommunizieren, auf denen ein "K"
wie Kanakmän steht und sämtliche Hühner dieses Stalles zwangsabtreiben.
Eine Anspielung auf Johannes Dyba, Bischof der Diözese Fulda, der sich
bis zu seinem Tod im Juli 2001 gegen Abtreibung und gegen Anerkennung der
Ehegemeinschaften von Gleichgeschlechtlichen aussprach, wird karikiert. (ebenfalls
K., S. 17). Eine Gruppe von deutschen alten Leuten sucht per Katalog junge
Nachkommen. "Hmm Rotes Hemd? Nix da! Der mischt sich bestimmt in unsere
Politik ein!" (K., S. 52). Von dem Kommentar eines Fernsehsprechers "
Nach einer Umfrage fühlen sich immer mehr Deutsche fremd im eigenen Land!
... angesprochen, meint Hüsnüs Frau "... Du bist nicht der
einzige Deutsche der sich in Deutschland fremd fühlen. Auch die Original-
Deutschen fühlen sich hier wie Türken!" (K., S. 44) Hüsnüs
Frau Döndü versteht gar nicht, dass ja sie und die anderen Migranten
der Grund für das Umfrageergebnis sind.
Ferner persifliert Omurca die Vorliebe der Deutschen, beispielsweise ihre
Auslandsreisen, mit dem Last-minute-Flug in die Türkei. (K., S. 21, 50).
Sie lieben das Multikulturelle, abgekürzt Multikulti, ein Neologismus
aus den 90er Jahren, der konkret nichts anderes meint, als das viele Kulturen
in einer Gesellschaft Umfassende. Sie lieben den deutschen Wald "Skinheads
werden allmählich Umweltschützer", roden aber den deutschen
Wald und lassen nur die Eiche, als Symbol für Deutschland stehen. (K.,
S. 53), und Bungee Jumping. Hüsnüs Empfehlung statt Bungee Jumping
sollten sie die türkische Staatsbürgerschaft annehmen. Das biete
den "absolut ultimativen Kick" (K., S.51). Er weist auf die deutsche
Politik mit ihren Korruptionsskandalen, wie beispielsweise auf Helmut Kohl,
der nun, als Großmogul Hülmüt Kühl in Anatolien von dem
Parteispenden-Gewinn der Bestechungsaffäre lebt (K., S.42) und von Kanakmän
dafür verantwortlich gemacht wird, dass die deutsch-türkische Doppelstaatlichkeit
nicht zustande kam. Helmut Kohl wird in die Türkei versetzt und kann
ein angenehmes "türkisches" Leben führen, ohne dass es
ihm schwer fiele. Die Türkei ist ihm also gar so fremd.(Anmerkung am
Rande: Hat Kohls Sohn nicht sogar eine Türkin geheiratet?)
Hüsnü kommt zu der Erkenntnis, dass er nie ein richtiger Deutscher
sein wird, sondern immer nur ein Deutscher türkischer Herkunft, also
ein "getürkter Deutscher! Eine Fälschung!", wie ihm sein
Nachbar sagt (K., S. 37) oder "Ex-Türke", wie ihm der Beamte
am Flughafen zu verstehen gibt (K., S. 46). Aber auch die türkischen
Migranten in Deutschland bleiben nicht verschont. So feiern sie beispielsweise
- einem Klischee entsprungen - den ersten Türken bei der Bundeswehr mit
einem türkischen Fest am Hauptbahnhof. (K., S.16) Sie kennen sich schlecht
aus in der deutschen bzw. westlichen Kultur. Z.B. macht Hüsnü seiner
Frau am Internationalen Frauentag ein Geschenk, als ob es der Muttertag sei
und dann auch nur die Fernbedienung für den Fernsehapparat (K., S. 24),
und seine türkischen Freunde und Kollegen machen sich lustig über
ihn, nachdem er Deutscher geworden ist (K., S.40). Er, der Muslim, trinkt
Bier, um sein Dilemma, seinen unglücklichen Zustand des Deutschseins
ertragen zu können. (K., S. 58). Er befindet sich in einem gewissen Zwischenstadium,
nimmt eine weitere deutsche Eigenart an.
Statt des Heimwehs als Türke, hat er nun als Deutscher Fernweh nach der
Türkei. (K., S. 43) Hier zeigt sich auch wieder Omurcas Sprachjongliertalent.
Er konstatiert "Das Beste an Deutschland is ... Du können dir das
Ausland leisten!", als Ausland wird ein Cartoon von der Türkei (K.,
S. 55) gezeigt. Auch hier tritt er als Türke mit deutscher Eigenart auf.
Zum Abschluss zitiert Omurca ein Symbol aus der Bibel, fast könnte man
meinen, um die Bewohner Deutschlands mit den Türken, mit den Migranten
zu versöhnen. (K., S. 60). Er lässt die Arche Noah, Sinnbild des
Alten Testaments, vor der Küste der Türkei stranden. Unerwartet
für das Publikum triumphiert Kanakmän und damit letztlich Omurca,
denn jeder der nun erwartet hat, dass Omurca abschließend die Gleichheit
der Menschen und der Völker betone, wird überrascht. Als die Menschen,
die jeder eine Larve von Menschen verschiedener Völker vor dem Gesicht
haltend die Arche verlassen, diese dann abnehmen, sind sie entlarvt in ihrer
Gleichheit alle nur Türken, ohne Ausnahme. Mit dieser Anspielung auf
die Ideologie des Nationalsozialismus als Abschluss seines Kabarett Kanakmän
lässt Omurca bei einem Teil seines Publikum sicher das Lachen gefrieren.
Im folgenden fasse ich noch mal zusammen:
Der Cartoonist und Kabarettist Muhsin Omurca, der 1985 zusammen mit Sinasi
Dikmen das erste deutsch-türkische Kabarett gründete, arbeitet seit
1996 als Solokabarettist. Seine Tourneen führen ihn auch ins europäische
Ausland.
Bei dem Kabarett Kanakmän arbeitet er mit seiner speziellen Methode,
die eigenen Cartoons großflächig an die Bühnenwand zu projizieren
und dazu zu singen, zu sprechen, zu rezitieren usw.
Die von ihm verwendete Sprache ist die sogenannte Kanaksprak, versetzt mit
korrektem Deutsch und korrektem Türkisch, quasi nur. Diese Kanaksprak
wird auch von in Deutschland lebenden Jugendlicher aufgenommen und benutzt,
als eine Art Codesprache.
In seinen Satiren greift er das Thema Zusammenleben der Kulturen, insbesondere
der deutschen und der türkischen auf, klinkt sich in die Einbürgerungsdebatte,
in die Diskussion um Multikultur und Leitkultur ein. Er entlarvt dabei die
unglaubwürdige deutsche Migrantenpolitik. Auf der einen Seite z.B. das
XENOS-Programm, um die Migranten vor Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu
schützen, auf der anderen Seite der von Politikern der Mitte und der
Rechten geschürte Fremdenhass.
Das Thema Ausländer, speziell Türken in Deutschland war bis dahin
kaum in Kabarett-Programmen zu finden, es sei denn als Kritik an den Deutschen
darüber, wie sie die Ausländer behandelten. Kritik an Ausländern
wäre schnell als Ausländerfeindlichkeit aufgefasst worden. Nur ein
Türke, bzw. ein Deutscher türkischer Herkunft konnte und kann es
sich leisten, Witze über sein Herkunftsland zu machen und dann auch über
die Deutschen.
Omurca steht in der Tradition des deutschen politischen Kabaretts. Seine kreativen
Satiren sind bissig und streitbar, entlarvend, witzig und unterhaltsam. Das
Publikum, sowohl das deutsche als auch das türkische, kann immer wieder
lachen, wenn das Lachen auch manchmal wohl im Halse stecken bleibt. Für
das Publikum, insbesondere für Leute die sich in ihrer Arbeit mit der
Integration von Einwandern beschäftigen oder für Linke, die mit
aller Schwere, Ernsthaftigkeit und politischer Korrektheit sich für Migranten
einsetzen, hat dieses Kabarett etwas sehr Befreiendes. Deutsche und Türken
werden von Omurca aufs Korn genommen, so hat es etwas Versöhnliches,
denn Omurca kann über sich selbst lachen.
Omurca bestätigte mir dies in seiner Mail am 16. 9.2004: " ... Sicherlich
spielt es dabei auch eine große Rolle, dass ich alle Seiten in die Zange
nehme und niemanden ausschließe. Mein Motto ist: erst über sich
selbst Lachen, die Zuschauer entwaffnen, dann ..... über die anderen
herfallen."