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Die RAA steht seit 20 Jahren für diese Kooperation, - sie nicht allein, aber doch in besonderem Maße. Sie war auch bereit, Wagnisse einzugehen. Der hier dargestellte Auftritt des türkisch-deutschen Kabarettisten Muhsin Omurca mag als Beispiel dafür stehen. Er agiert ja mit einem erheblich schärferen Witz als der aus dem Fernsehen bekannte und sich wachsender Beliebtheit erfreuende Kaya Yanar in seiner Sendung „Was guckst du?“. Bei Muhsin Omurca bleibt einem das Lachen oft im Halse stecken. Er will nicht nur unterhalten, sondern auch den Finger in Wunden legen, so dass man sie spürt. seine Satire ist bissig, nimmt sich Deutsche wie Türken aufs Korn, zeigt Böses und Sympathisches, Pfiffiges und Schwächliches. Sein Hüsnü mit seinen Sorgen, Anpassungshandlungen, Hoffnungen und Enttäuschungen, sein Kanakmän als wunderbarer Retter in der Not, sie spiegeln die Zerrissenheit vieler türkischer Migranten und ihre Träume in dieser Gesellschaft überaus genau wider. Und auch sein „Skinhead in Istanbul“ ist so eine differenzierte Figur, einerseits „Dumpfschädel“, andererseits durchaus mit menschlichen Gefühlen (Ängsten, Sehnsucht nach Anerkennung, Fähigkeit zum Staunen usw.) ausgestattet.

Können Jugendliche in einem Alter von 14 bis 17 Jahren, die nur über ein nicht gerade ausgeprägtes Sprachvermögen verfügen, die deshalb insbesondere die Mittel der Satire leicht missverstehen, die überdies nur über sehr wenig Theatererfahrung haben und folglich nicht unbedingt von vornherein ein hoch konzentriertes Publikum sein wollen, mit einem so anspruchsvollen und brisanten Programm angemessen umgehen und Gewinn daraus ziehen? Als wir 1999/2000 relativ unverhofft Skinhead-Symbole (Frisur, Kleidung, Parolen) in unserer Schule bemerkten, plötzlich sogar außerschulische bewaffnete Schlägertrupps auftauchten und zu einer erheblichen Verschärfung der Situation beitrugen, da bewährte sich wieder einmal, dass wir ein Netzwerk von Bundesgenossen hatten. Die RAA war ein Ankerpunkt darunter. Eine der Hilfen, die uns Gabriele Ihde in dieser schwierigen Phase anbot, war ein Auftritt von Muhsin Omurca. Wir wollten möglichst viele Schülerinnen und Schüler erreichen und ließen darum alle unsere neun Klassen des 8., 9. und 10. Schuljahres, natürlich nach einer gewissen Vorbereitung, teilnehmen. Das war insofern kein weiser Entschluss, als der Veranstaltungsraum im „Bonni“ ziemlich überfüllt und die Luft bald zum Schneiden war.

Trotz dieser widrigen, im wahrsten Sinne des Wortes schwießtreibenden Bedingungen, trotz der spontanen Reaktionen und Einwürfe, die von Seiten der zuschauer kamen, trotz des Anspruchs und der Länge des Programms, spielte Muhsin Omurca ohne Pause durch. Etliche Lehrkräfte waren am Ende unsicher, ob das Ziel der Veranstaltung überhaupt erreicht worden sei, zumal sich etliche türkische Jugendliche auch noch „blamiert“ fühlten. Muhsin Omurca selbst, Gabriele Ihde, Dr. Rolf Heinrich, der Pfarrer der Lukas-Kirche und einige wenige Lehrer/innen sahen den Ablauf und das Ergebnis zwar positiv, aber wir führten dann doch eine schriftliche Befragung durch, um in Erfahrung zu bringen, wie das Meinungsbild nun wirklich bei den Jugendlichen war. Es fiel ungeachtet der Überfüllung eindeutig so aus, dass am erfolg des Auftritts nicht zu zweifeln war. Wir dokumentieren das hier durch eine graphische Darstellung. Dabei ist weiter zu bedenken, dass durch das Aushängen der Diagramme, durch die mündliche Diskussion über sie und die jeweiligen eigenen Beobachtungen, Empfindungen und Urteile über bestimmte Details der Aufführung Analyse und Meinungsbildung in den einzelnen Klassen noch weiter getrieben wurden. Die Vorurteile und Ressentiments in manchen Köpfen waren damit natürlich nicht beseitigt, aber es hatte ein konstruktiver Prozess stattgefunden, der neue Sichtweisen eröffnete und Denkanstöße vermittelte, die wir als Lehrerinnen und Lehrer in dieser Intentität schwerlich durch klassischen Unterricht hätten bewirken können. Die Schülerinnen und Schüler hatten gewissermaßen einen interkulturellen Kurs von äußerster Brisanz und damit Dichte erfahren, der förmlich dazu zwang, Stellung zu nehmen und sich mit anderen Stellungnahmen auseinanderzusetzen. Dass wir Lehrer/innen das selbst nicht gleich erkannten, beweist nur, wie sehr auch wir auf Grund von Ängsten befangen sind, wie stark wir fürchten, dass zweideutige Situationen nicht Anlass zur Klärung geben, sondern automatisch zur Verschüchterung der „richtigen“ Erkenntnisse beitragen. Um so wichtiger dürfte deshalb sein, dass Künstler wie Muhsin Omurca und Einrichtungen wie die RAA uns und erst recht unseren Schülerinnen und Schülern dennoch die Chance geben, manchmal das Wagnis des unsicheren Weges auf uns zu nehmen. Schule wäre sonst noch festgefahrener, als sie es ohnehin schon ist.

Die RAA braucht sicherlich Schulen, die bereit sind, mit ihr bestimmte Wege zu gehen, weil sie sonst eines Großteils ihrer angestrebten Wirkung beraubt wird. Aber Schulen berauben sich selbst vieler Möglichkeiten, wenn sie nicht ihrerseits die Kooperation mit der RAA und anderen Institutionen und Personen suchen und sich für das Leben und Lernen außerhalb der Schule öffnen.
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Das bei uns in der Schule aufgeführte Stück sahen drei Klassen der Jahrgangstufe 8, die GÖS-Gruppe von Herrn Kaynar und einige türkische Mütter des Mütter-Frühstückscafes. Aus den Rückmeldungen, welche die Kollegen/Innen mir - teils schriftlich, teils mündlich gegeben haben-, ergibt sich folgendes:

Sowohl die GÖS-Gruppe als auch die meisten Schüler/Innen der 8. Klasse halten das Stück für geeignet, um sich mit dem Thema „Rechtsradikalismus“ intensiver auseinander zu setzen und stufen es insgesamt als „gut gemacht“ ein. Positiv wird gesehen, dass der künstler die Aussagen in „witziger Form“ aufzeigt sowie durch eine plastische Darstellungsweise veranschaulicht (z.B. das wiederholte Klopfen auf die Trommel). Auch wird von mehreren Schülern/Innen die beeindruckende Schauspielerleistung (Solostück!) gelobt. Anklang finden auch die gezeigten Bilder (Dias) des Künstlers.
Im Unterrichtsgespräch ist deutlich geworden, dass nicht alle karikierten Verhaltensweisen seitens der Schüler/Innen erfasst werden konnten („Warum wird immer wieder die türkische Nationalhymne eingespielt?“), aber zentrale Aussagen scheinen verstanden worden zu sein. (Schüleräußerungen: „Die Skinheads werden immer mehr“ / „Viele Rechtsradikale sind an ihrer Kleidung nicht zu erkennen; das ist das Gefährliche.“ / „Deutsche und Türken haben ihre Macken“).
Nicht so gut fanden die Schüler, dass Bodo am Ende rechtsradikal wird. Auch geben einige an, dass sie akustisch (inhaltlich?) einige Äußerungen nicht verstanden hätten, ferner eine Pause gefehlt habe (auf diese ist aus organisatorischen Gründen und nach Rücksprache mit einigen Lehrern bewusst verzichtet worden).

Gelsenkirchen, 5.6.2001

Gesamtschule Buer-Mitte
Rückmeldung bezüglich des Stückes „Tagebuch eines Skinheads in Istanbul
Die Rückmeldung der Lehrer/innen
(Hauptschule Eppmannsweg - Gelsenkirchen)
Schulauftritt in Schweinfurt, April 2005